Tageszoll | Galerie Schwien | 26.10. – 31.12.2025
Tageszoll ist kein klassischer Ausstellungstitel. Er ist ein Wort, das atmet. Ein Wort, das etwas verlangt – aber auch etwas gibt.
Der Tageszoll ist das, was wir zahlen, wenn wir mit offenem Herzen leben wollen. Wenn wir nicht einfach weitermachen, sondern innehalten. Hinterfragen. Und mitfühlen. Er ist das Maß dessen, was uns täglich abverlangt wird – an Achtsamkeit, Empathie, Standhaftigkeit. Und manchmal auch an Schmerz.
Diese Ausstellung lädt dazu ein, mehr zu tun, als nur Bilder zu betrachten: Sie eröffnet einen Dialog zwischen Malerei und Literatur. Zwischen dem, was sichtbar ist – und dem, was nur zwischen den Zeilen zu spüren ist. Zwischen Farbe und Wort. Leinwand und Satz. Emotion und Form.
Tageszoll ist auch der Titel meines aktuellen Buchprojekts. Viele von Ihnen kennen mich eher als Maler, als Mensch der Bilder, der brennenden Strukturen und zahlreichen Farbschichten. Doch in mir arbeitet seit jeher auch ein anderer Impuls: der der Sprache. Das Schreiben hat mich in den letzten Jahren begleitet wie ein zweiter Pinsel. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis diese beiden Wege sich kreuzen würden – nicht nur im Stillen, sondern sichtbar, erfahrbar. Heute ist dieser Moment.
Die Werke, die Sie in dieser Ausstellung sehen, sind keine „Illustrationen“ des Romans. Und der Roman ist kein erklärender Text zur Malerei. Vielmehr gibt es zwischen beiden eine Art Resonanzraum. Einige Arbeiten entstanden direkt im Schreibprozess – aus einem Satz wurde ein Gemälde, aus einem Gemälde ein Kapitel. Andere existierten bereits länger, trugen aber dasselbe Thema in sich: die Frage nach Zugehörigkeit, nach Freiheit, nach innerer Heimat.
Ich glaube daran, dass Kunst mehr ist als ein ästhetisches Erlebnis. Sie ist Zeugin – und manchmal auch Anklage. Sie kann Trost spenden. Oder Unruhe stiften. Und sie kann uns erinnern: daran, wer wir sind. Wer wir sein könnten. Und was wir auf keinen Fall vergessen dürfen.
In Tageszoll erzähle ich von Herkunft, von Verlust, von Liebe. Aber auch von Verantwortung. Von den Linien, die wir nicht einfach ziehen können, und von denen, die wir ziehen müssen – gerade, wenn es unbequem wird. Ich schreibe über Familiengeschichten, über das Weitergeben und das Loslassen. Über das Vatersein. Das Kindsein. Das Menschsein. Und darüber, wie schwer es manchmal ist, sich selbst ehrlich zu begegnen – mit allem, was dazugehört.
All das findet sich auch in meinen Bildern wieder – mal leise, mal laut. In dichten Farbflächen. In leeren Räumen. In Brüchen. In Auflösungen. Und immer wieder versuche ich, zu verbinden, was getrennt scheint – und festzuhalten, was zu entgleiten droht.
Dass diese Ausstellung in meiner eigenen Galerie stattfindet, ist für mich mehr als nur eine räumliche Entscheidung. Es ist ein Bekenntnis. Zur Unabhängigkeit. Zur Eigenverantwortung. Und zum Mut, sich selbst eine Bühne zu bauen, auf der nicht der Markt das letzte Wort hat, sondern die Haltung.
Ich habe mich nie ausschließlich als Maler gesehen. Und auch nicht nur als Autor. Ich bin ein Mensch, der beobachtet. Der sucht. Der Zweifel zulässt. Und der daran glaubt, dass Kunst politisch ist – nicht, weil sie Parolen ruft, sondern weil sie fragt. Weil sie offenlegt. Weil sie nicht wegsieht.
Mein gesellschaftliches Engagement ist nicht das Nebenbei meiner künstlerischen Arbeit. Sie ist ihr innerster Kern. Ich glaube, dass man nicht nur über Licht und Schatten sprechen kann, ohne sich zu fragen, woher das Licht kommt – und auf wen der Schatten fällt.
Tageszoll ist also auch eine Form von Haltung. Eine Art, zu sagen: Ich zahle diesen Preis. Jeden Tag. Und ich tue es gern. Weil ich weiß, dass es zählt.
Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind. Dass Sie sich Zeit nehmen – in einer Welt, in der Zeit oft das Kostbarste ist, das wir haben. Ich lade Sie ein, diese Ausstellung als Raum der Begegnung zu begreifen – mit Bildern, mit Texten, und womöglich auch mit einem Teil von sich selbst. Vielleicht ist es eine Erinnerung. Eine Frage. Ein Satz, der bleibt. Oder ein Bild, das in Ihnen nachklingt.
Willkommen bei Tageszoll.